Deshalb wirkt sich Online-Privatsphäre positiv auf unsere psychische Gesundheit aus

15 Okt 2018

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich das Buch Lost Connections von Johann Hari gelesen, das ich absolut jedem empfehlen kann, der sich leicht depressiv oder ängstlich fühlt. Ich muss zugeben, dass es sich wirklich um ein großartiges Buch handelt, das alle Menschen dazu auffordert, eine neue Verbindung zu normalen, menschlichen Beziehungen und Kontakten, bedeutungsvollen Taten und Werten aufzubauen – glauben Sie mir, das Buch kann tatsächlich dabei helfen, Depressionen zu überwinden. Selbstverständlich ist es kein universelles Gegenmittel gegen Kummer und Sorgen, aber es kann Ihnen wenigstens ein Verständnis für die nebulösen Gründe geben, die dazu beitragen, dass Sie sich unglücklich fühlen.

Was mich beim Lesen des Buches besonders beeindruckt hat, war die Tatsache, dass einige der Dinge, die laut Hari schuld an unserer zerbrochenen Gesellschaft sind, auch mit unserer Privatsphäre zusammenhängen. Um ehrlich zu sein, klingt es ziemlich überraschend, aber es scheint tatsächlich wahr zu sein, dass die Pflege der Online-Privatsphäre einen positiven Einfluss auf unseren mentalen Zustand haben kann. In diesem eher persönlichen Beitrag möchte ich zwei Aspekte der Privatsphäre beschreiben, die in direkter Verbindung mit unserem moralischen Befinden stehen. Bevor ich beginne, möchte ich gerne anmerken, dass ich in diesem Artikel lediglich in meinem Namen spreche, und die offizielle Meinung des Unternehmens zu diesem Thema eine völlig andere sein könnte.

Social Media: Die soziale Isolation

Es ist ein Paradoxon der modernen Welt: Obwohl wir heutzutage durch soziale Netzwerke jederzeit mit unseren Freunden und Verwandten in Kontakt bleiben können, haben wir uns in der Geschichte der Menschheit noch nie so einsam und sozial isoliert von anderen gefühlt wie jetzt.

Diese Isolation wird nicht nur von Hari, sondern auch von vielen anderen unabhängigen Quellen – einschließlich unserer eigenen Umfrage – immer wieder betont. Soziale Netzwerke können schlichtweg nicht als Ersatz für eine normale und reale Kommunikation mit Menschen, die Sie lieben und schätzen, dienen. Selbst chemisch gesehen unterscheidet sich die digitale von der persönlichen Kommunikation; In letzterem Fall wird ein Glückshormon namens Oxytocin freigesetzt, das (zusammen mit Serotonin und Dopamin) dafür verantwortlich ist, dass wir uns glücklich fühlen.

Wir haben auf unserem Blog häufig über Ihre Privatsphäre und Sicherheit auf sozialen Netzwerken gesprochen und immer wieder dazu geraten, die Privatsphäreeinstellungen für Facebook, LinkedIn, Twitter, Instagram usw. nutzergerecht anzupassen. Ein Großteil dieser Anpassungen zielt darauf ab, zu verhindern, dass Fremde einen Einblick in persönliche Informationen bekommen, die sie absolut nichts angehen. Darüber hinaus sind wir des Öfteren auf die Gewohnheit des Oversharings und der daraus resultierenden negativen Konsequenzen eingegangen. Je mehr ich mich allerdings mit den Privatsphäreeinstellungen sozialer Medien beschäftigte und je mehr ich über Datenlecks sozialer Netzwerke las (sei es der Cambridge-Analytica-Skandal oder ein Ashley Madison-Leak), desto mehr habe ich über die Idee nachgedacht, all meine Social-Media-Accounts zu löschen – oder zumindest die Zeit, die ich auf sozialen Netzwerken verbringe, zu minimieren.

Ehrlich gesagt bin ich keine Person, die sofort zur Tat schreitet, sobald ihr bestimmte Negativschlagzeilen zu Ohren kommt. Also habe ich mir tagelang den Kopf über meine anfängliche Idee zerbrochen und bin zu folgendem Schluss gekommen: Ich werde meine Facebook-, Twitter- und LinkedIn-Accounts nicht löschen. Denn im Grunde genommen sind sie alle für irgendetwas gut. Facebook hilft mir beispielsweise dabei, an wichtige Geburtstage zu denken und mit ehemaligen Journalistenkollegen oder Bekannten zu kommunizieren, wenn ich Informationen von ihnen für meine Beiträge brauche. LinkedIn wirkt sich wahrscheinlich positiv auf meine Karriere aus (zumindest sagen das alle; ich selbst hatte keine Chance, es zu testen, obwohl mir die Plattform geholfen hat, Karrieremöglichkeiten für meine Frau zu finden). Und Twitter ist ein soziales Netzwerk, das von vielen Informationssicherheitsforschern genutzt wird und als gute Nachrichtenquelle in unserer Branche gilt.

Für mich besteht die Lösung darin, die Privatsphäreeinstellungen der sozialen Netzwerke so streng wie möglich zu gestalten, meine Zeit auf Social Media deutlich einzuschränken und die Plattformen nicht als eine Möglichkeit zu betrachten, mit Freunden und Verwandten zu kommunizieren. Abgesehen davon habe ich Instagram und Swarm gelöscht – denn beide Netzwerke haben lediglich den Neid anderer Nutzer gegenüber in mir geweckt. Nachdem ich die besagten Änderungen vorgenommen und viel weniger Zeit mit dem Scrollen durch News-Feeds verbracht hatte, fühlte ich mich selbst deutlich besser und konnte mehr Zeit mit meinen Freunden verbringen.

Hierbei handelt es sich um eine persönliche Lösung, die für mich funktioniert hat, was nicht heißen muss, dass sie es auch für Sie tut. Allerdings möchte ich, dass Sie sich zumindest fragen, ob Sie wirklich all diese Social-Media-Konten benötigen, die Sie derzeit nutzen. Ihre Aktivität und Kommunikation auf sozialen Netzwerken zu reduzieren ist eine Möglichkeit, Ihre Online-Privatsphäre und Ihr allgemeines Wohlbefinden zu verbessern. Das Löschen Ihres Kontos funktioniert möglicherweise noch besser – natürlich nur, wenn Sie für diesen radikalen Schritt bereit sind.

Werbung: Die Isolation von wichtigen Werten

Es wird davon ausgegangen, dass Nutzer im Durchschnitt mehr als 4.000 Anzeigen pro Tag ausgesetzt sind. Zwar nehmen wir nicht alle Anzeigen bewusst war, aber ja, sie lauern an jeder Ecke auf uns: egal ob Plakate auf der Straße, Banner auf Websites, Textanzeigen in Suchmaschinen, beworbene Beiträge in sozialen Netzwerken oder Markennamen auf Kleidungsstücken. Die moderne Welt möchte, dass wir Dinge kaufen, und Hunderttausende sehr talentierte Vermarkter und Verkäufer arbeiten täglich daran, uns glauben zu lassen, dass uns der Kauf dieser und jener Dinge glücklicher macht, oder besser gesagt, uns dabei hilft, unsere Träume zu erreichen.

Mag sein, dass an dieser Aussage etwas Wahres dran ist – der Kauf eines Fahrrads könnte Sie beispielsweise glücklicher machen, wenn Sie Fahrradtouren lieben. Aber der Kauf eines neuen, teuren und funktionsüberladenen Fahrrades anstelle eines älteren, einfacheren Drahtesels wird Sie nicht wesentlich glücklicher machen – denn die Fahrradtour bleibt die gleiche. Ein schickes neues Fahrrad könnte unter den Leuten auf der Straße hingegen für Aufsehen sorgen; die Leute, denen Sie wirklich etwas bedeuten, legen darauf allerdings keinen Wert.

Dennoch drängen uns Werbeanzeigen dazu, immer mehr und mehr neue Dinge zu kaufen. Egal, was für ein Auto Sie haben, es gibt immer ein Auto, das mehr PS und mehr neue Features mit sich bringt. Und personalisierte Anzeigen zwingen Sie lediglich dazu, einen Blick auf dieses neue Traumauto zu werfen, damit Ihr Verlangen danach noch größer wird. Personalisierte Anzeigen, die in Suchmaschinen und auf sozialen Netzwerken auf uns lauern, sind mit am schlimmsten, weil sie speziell auf uns zugeschnitten sind. Aber die Dinge, die sie bewerben, sind nicht das, was wir wirklich wollen, sondern das, was wir der Gesellschaft nach zu wollen haben. Deshalb werden sie auch extrinsische Werte genannt, während unsere wahren Werte als intrinsisch bezeichnet werden.

Unsere intrinsischen Werte haben normalerweise nichts mit dem Haben, sondern dem Tun zu tun (beispielsweise das Erlernen eines Musikinstruments). Dabei geht es darum, sinnvolle Dinge für die Menschen zu tun, die uns wichtig sind, oder für die Gesellschaft im Allgemeinen.

Die Verfolgung der intrinsischen Werte – die Ideen, die uns wirklich wichtig sind – macht uns glücklich und bringt uns dazu, unser Leben in vollen Zügen leben zu wollen. Aber intrinsische Werte liegen oft im Verborgenen und werden überschattet von extrinsischen Werten, weil niemand unsere inneren Werte für uns bewirbt – unsere Aufgabe besteht also darin, tief in uns hineinzuhören und diese zu finden. Extrinsische Werte werden hingegen auf jeder Website oder an jeder Straßenecke angepriesen.

Welche Informationen werden verwendet, um Online-Anzeigen für uns Nutzer relevant zu machen? Es sind unsere Beiträge auf sozialen Netzwerken, unsere Likes, unsere Geolokalisierungsdaten, all die Dinge, nach denen wir jemals gesucht haben. Es sind die Dinge, die wir in unseren E-Mails beschreiben und über die wir auf Facebook Messenger mit unseren Freunden und Verwandten reden. Heutzutage wird dieses Konzept auch Big Data genannt.

Aber wie können wir gezielte Werbung vermeiden? Indem wir nicht zu viele persönliche Informationen von und über uns preisgeben und jegliche Tracking-Maßnahmen unterbinden. Hello again, Privatsphäre!

Natürlich spreche ich nicht davon, Gmail für immer aufzugeben – dafür ist der Dienst einfach zu praktisch. In diesem Beitrag geht es vielmehr darum, Sie dazu zu bewegen darüber nachzudenken, welche Dienste Sie nutzen, welche dieser Dienste Ihre Daten für Werbezwecke sammeln, welche von ihnen wirklich notwendig sind und welche einfach durch datenschutzorientiertere Dienste ersetzt werden können.

Ich habe meinen persönlichen Ansatz im Kampf gegen die sozialen Medien bereits beschrieben. Jetzt liegt es an Ihnen, Ihren eigenen Ansatz für sich zu finden. Durch die Reduzierung der Zeit, die Sie auf sozialen Medien verbringen, werden Ihnen auch gleichzeitig weniger Anzeigen geschaltet und alle persönlichen Daten, mit denen Sie gezielt angesprochen werden können, werden um ein Vielfaches reduziert. Allerdings gibt es Suchmaschinen und „News-Websites“, die es gezielt darauf abgesehen haben, Sie mit maßgeschneiderten Anzeigen zu überhäufen. Um das zu verhindern, können Sie eine Anti-Tracking-Software und andere Dienste verwenden, die Wert auf Ihre Privatsphäre legen. Aus diesem Grund habe ich beispielsweise kürzlich von Google zur datenschutzorientierten Web-Suchplattform DuckDuckGo gewechselt. Auch hier werden die ein oder anderen Anzeigen geschaltet (irgendwie muss die Plattform Geld verdienen); allerdings schnüffelt Sie Ihnen nicht wie Google nach und verfügt über kein riesiges Werbenetzwerk wie Google Ads, was bedeutet, dass andere Websites ihre Anzeigen nicht basierend auf Ihren Suchanfragen ausrichten.

Fazit

Mehr Zeit damit zu verbringen, persönlich mit meinen Freunden und Verwandten zu kommunizieren und weniger Werbeanzeigen ausgesetzt zu sein, die lediglich für Unordnung in meinem Kopf sorgen, hat für mich persönlich gut funktioniert und könnte auch für Sie gut funktionieren. In meinem Fall hat sich herausgestellt, dass es Menschen in meinem Umfeld gibt, die die gleichen Probleme haben wie ich. Wenn man gemeinsam eine Lösung sucht – oder zumindest seine Sorgen und Gedanken mit anderen teilt -, scheinen diese Probleme wesentlich kleiner und erträglicher zu werden.

Wahrscheinlich kann ich sagen, dass ich, nachdem ich Hari’s Buch gelesen und ein paar Veränderungen in meinem Leben vorgenommen habe, ein glücklicherer Mensch bin, als ich es vorher war. Und als Teil der Wiederverbindung sinnvoller Werte möchte ich dazu beitragen, das Leben anderer besser zu machen. Genau aus diesem Grund habe ich diesen Artikel geschrieben und hoffe wirklich, dass er wenigstens einigen von Ihnen weiterhelfen kann.