ZDDK – Wer sie sind und wie sie arbeiten

11 Apr 2016

Seit nunmehr mehr als einem Jahr kooperieren wir mit dem Verein „Zuerst denken dann klicken“. Zeit einmal die Personen vorzustellen, die unermütlich den Kampf gegen Falschmeldungen, Viren und Trojaner führen…

Fotocredit: Hans Hochstöger; v.l.n.r Andre Wolf, Tom Wannenmacher, Özlem Aydogdu

Fotocredit: Hans Hochstöger; v.l.n.r Andre Wolf, Tom Wannenmacher, Özlem Aydogdu

Die Geschichte von ZDDK bzw. Mimikama ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nein, eigentlich nicht. Es ist eine Geschichte, die mit einem Betrug auf Facebook begann, worauf ein Steirer in Wien auf die Idee dieser Plattform kam, welche mittlerweile über 600.000 Fans hat. Aber fangen wir von vorne an…

2011

Es begab sich zu der Zeit, als Facebook die Marke von 580 Millionen Usermarke überschritt, alleine in Deutschland waren es bereits 14 Millionen User. Doch mit den vielen freundlichen Menschen schlichen sich auch immer mehr Betrüger ein, die das Potential Facebooks erkannten, als Plattform für Betrügereien zu dienen. Gab es früher noch Kettenbriefe, später Kettenmails, die sich größter „Beliebtheit“ erfreuten, so tauchten mehr und mehr Falschmeldungen und betrügerische Postings auf Facebook auf. Zuerst nur im amerikanischen Sprachraum, vermehrt jedoch auch in Deutsch, wurden Schreckensmeldungen verbreitet.

Sehr beispielhaft für 2011 waren Meldungen, dass man „auf keinen Fall Gruppen mit dem Namen XYZ beitreten solle, da es sich um einen Pädophilenring handeln würde“.  Auch solle man diverse Nachrichten mit X Freunden teilen, da Facebook einen sonst als inaktiv kennzeichnen und das Konto löschen werde.

In jener Zeit fiel auch Tom Wannenmacher auf eine Betrugsmasche auf Facebook herein. Frustriert darüber stellte er fest, dass es im deutschen Sprachraum keine einzige Seite gab, die über solche Fakes, Hoaxes und Betrugsversuche berichtet, einzig im englischen Sprachraum fanden sich einige Seiten. Aber wer macht sich schon die Mühe, zu googlen? Auch damals schon wurde zu leichtfertig alles geglaubt, alles angeklickt und alles weiter verteilt, weil „lieber einmal zu viel als zu wenig“.

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Somit gründete er auf Facebook eine Seite, die heute den Namen „Zuerst Denken – Dann Klicken“ trägt. Zeitgleich arbeitete er fieberhaft an einer Homepage, auf der ausführliche Artikel erscheinen sollen. Heute ist „Mimikama.at„, Suaheli für „Gefällt mir“ nicht mehr aus dem deutschen Sprachraum wegzudenken.

Wie funktioniert ZDDK?

Im Prinzip ganz einfach: Facebook-User stolpern über eine dubiose Statusmeldung oder eine Nachricht auf einem Blog im Internet. Per Mail oder auf der Pinnwand von der Seite wird dann eine Anfrage gestellt, wie hoch der Wahrheitsgehalt jener Meldung ist. Manchmal gibt es bereits einen Artikel zu einem Fake, dann ist die Antwort sehr einfach. Oftmals jedoch, nahezu täglich, tauchen neue Fakes und Betrugsversuche auf, um die sich die Mitarbeiter dann kümmern.

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In einer internen Gruppe wird diese Anfrage dann geteilt. Im Kollektiv betreiben die Mitarbeiter dann Quellenforschung: Wie seriös ist die Seite oder der User, der eine Meldung postet? Wer ist die genaue Quelle? Wurde diese Nachricht erstmals verbreitet oder gibt es noch ältere Quellen? Wie wahrscheinlich ist der Wahrheitsgehalt der Nachricht?

Natürlich können nicht alle Mitarbeiter 24/7 am PC sitzen und Nachrichten prüfen, aber dafür ist das Arbeitskollektiv bei ZDDK ja gut: Es ist immer irgendjemand online, der sich auf Recherchearbeit begeben kann. Dabei werden sowohl klassische Methoden genutzt, wie das ganz normale „Googlen“ als auch, insbesondere bei angeblichen Straftaten, Telefonate und Mailverkehr mit diversen Behörden und Ämtern. Gerade durch den direkten Kontakt mit dem Bundeskriminalamt und den Landeskriminalämtern können viele Gerüchte schnell aufgeklärt werden.

Sind es immer wieder neue Anfragen?

Die Anfragen selber sind natürlich immer neu, die Ursachen hingegen gibt es teilweise schon seit Jahrzehnten. Es gibt einige „Evergreens“, also saisonal bedingte Falschmeldungen, die immer wieder zu bestimmten Zeiten auftauchen und bedenkenlos weiter verteilt werden.

Ein Klassiker ist z.B. „Die Nadel im Damenhandschuh„. Alljährlich zur Weihnachtszeit wird behauptet, auf Weihnachtsmärkten werden kostenlose Damenhandschuhe verteilt, in denen sich mit Drogen benetzte hauchdünne Nadeln befinden sollen. Die Opfer werden dadurch betäubt und ausgeraubt.

Sehr häufig bekommt man auch den Hoax vom „weißen Transporter“ zu sehen. Pünktlich vom Frühling bis zum Spätherbst fahren weiße Transporter kreuz und quer durch Deutschland und fangen wahlweise Kinder oder Haustiere ein. Das wird im Sommer meistens zu einer Epidemie, wo jeder weiße Transporter mit schwarzhaarigem Fahrer fotografiert wird, um zu warnen, dass „die Kinderfänger“ wieder unterwegs sind. Uns tun alle Fahrer jener Wagen leid, denn bisher hatten wir eine nahezu 100%ige Quote, dass es sich nur um Gerüchte handelte.

Woran erkenne ich denn einen Hoax?

Einen typischen Hoax erkennt man meistens an bestimmten Merkmalen, z.B. darf die Quelle nicht überprüfbar sein. „Die Freundin meiner Schwester deren Cousine hat es mit eigenen Augen gesehen“ (klar, mit fremden Augen kann man es auch schlecht sehen). Da könnte man sich den Wolf überprüfen, es ist schier unmöglich, aber wenn ein „Freund“ auf Facebook das sagt, dann wird es wohl wahr sein. Die Ortsangabe kann variieren, der Zeitpunkt aber muss auf „neulich“ oder „eben“ oder „gestern“ lauten. Man sollte es nicht glauben, aber Hoaxes mit einer solchen Zeitangabe verbreiten sich auch nach Jahren immer noch rasant, ohne dass irgendjemand darauf achtet, wie lange das schon her sein soll.

Auch auffällig ist, wenn eine Meldung sehr sensationsheischend ist. Ob 400 Kilogramm schwere Schlangen oder Videoaufnahmen eines Menschen, der aus einem Kettenkarussell fällt: Anklicken jener Meldung führt zu allem, aber nicht zu dem, was man eigentlich lesen oder sehen wollte.
Entweder man landet im harmlosesten Falle auf einer normalen Seite über Fitness und Gesundheit. Sehr viel häufiger aber landet man aber auf einer gefälschten Facebook-Seite, die einen erneuten Login verlangt. In Wirklichkeit werden dann die Login-Daten mitgeloggt und im „Darknet“ weiter verkauft, der Account dann für Spam und Betrug genutzt. Ein Video bekommt man selbstverständlich nie zu sehen.

Welches Thema ist derzeit besonders aktuell?

Aktuell haben wir das Thema Flüchtlinge, dazu gibt es sehr viele Meldungen, da viel behauptet wird. Nur wenig davon ist wahr, vieles davon stellt sich als Halbwahrheit oder komplette Lüge raus.

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Historisch gab es aber immer solcherlei Tendenzen. Am Besten belegt sind die Hoaxes über Juden vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Grundlage dafür waren die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, eine angebliche Versammlung einer jüdischen Geheimgesellschaft, welche die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Das 1903 erschienene Werk wurde bereits 1921 als Fälschung entlarvt, trotzdem berufen sich auch heute noch viele Menschen darauf, dass dies ein Beweis der großen „zionistischen Verschwörung“ sei. Ein sehr viel weit zurückliegenderes historisches Beispiel ist ein Hoax aus dem Jahr 1307 und handelt von den Tempelrittern. Die Kirche verbreitete das Gerücht, dass die Tempelritter Ketzerei und Sodomie begehen würden, wodurch in einer einzigen Nacht europaweit der Orden zerschlagen wurde.

Was sind denn die verrücktesten Anfragen gewesen?

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, das merkt ZDDK auch immer wieder an den Anfragen. Sehr viele kleine „unabhängige Blogs“, abseits der „Lügenpresse“ verbreiten vermeintliche Wahrheiten, die sonst keiner kennt und behaupten, absolutes Insiderwissen zu besitzen. Bezeichnenderweise sind jene Artikel oftmals mit „gut informierten Quellen“ und „anonymen Hinweisen“ gespickt, also immer wieder Quellen, die sich fast unmöglich nachprüfen lassen. Diese Artikel sind oftmals auch sehr kurzlebig, da sie von der Zeit überholt werden. Keiner spricht heute mehr davon, dass angeblich „laut Informationen eines hohen NATO-Generals“ bereits im September 2015 alle Flüchtlinge mit Waffen ausgestattet werden sollten, um „die große Invasion“ einzuleiten. Stattdessen schreiben jene Blogs unberührt weiter, behaupten einfach, dass jene Invasion nur dank ihres aufklärerischen Artikels verhindert wurde.

Zu jenen verschwörungstechnischen Anfragen gehört zum Beispiel die Behauptung, dass Osama Bin Laden noch lebt und auf den Bahamas ein schönes Leben führt.

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Auch UFO-„Beweise“ werden immer wieder hinterfragt, so sollen Überwachungsvideos doch eindeutige Beweise zeigen, dass es eben so sei.

ufo

Auch Paranormales wird gerne mal angefragt, so wird die moderne Technik mit alten Horrorgeschichten gemixt, das Ergebnis ist dann eine moderne Gruselgeschichte, nach der bei ZDDK gefragt wurde. Ein klassisches Beispiel dafür ist die tote Freundin, die sich über Facebook wieder bei ihrem Freund meldet.

Da solcherlei Anfragen immer wieder kommen und auch gerne zum Amüsieren gelesen werden, gibt es seit einiger Zeit auch ZDDK-Mystery, welches ebenfalls auf Facebook zu finden ist.

Die Jagd nach Fakes – Wie funktioniert das?

Bei ZDDK gibt es zwei feste und sehr viele ehrenamtliche Mitarbeiter. Aber wie schaffen es die eigentlich, Fakes und Hoaxes von echten Meldungen zu unterscheiden? Gibt es ein Geheimrezept? Wie kann ich selber forschen, ob etwas ein Fake ist?

Dafür gibt es hier, neben dem normalen Googlen, ein paar Tipps aus dem Nähkästchen:

  1. Die Bilder-Rückwärtssuche
    Jedes Bild im Internet lässt sich z.B. mit Google Images untersuchen, ob es schon einmal eventuell in anderem Zusammenhang auf anderen Webseiten aufgetaucht ist. Oftmals bekommt man dann zahlreiche Links zu sehen, hier muss man lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen, das ist dann teilweise Erfahrungssache, um zu unterscheiden, welche Seite die gleiche Nachricht einfach nur wiederholt und welche Seite den echten Zusammenhang zu dem Bild bringt.
  2. Das Wetter auf einem Bild
    Sollte man das Bild nicht mit der Rückwärtssuche finden, hilft dies auch manchmal weiter: Die Suchmaschine „Wolfram Alpha“ gibt einem konkrete Wetterinformationen zu jedem Tag des Jahres zu jedem Ort aus. Sieht man z.B. ein „aktuelles Bild“ von Randalierern, welches in Berlin am 23. November 2015 gegen 11 Uhr aufgenommen sein soll, dann sucht man dort nach „weather in Berlin at 11am on 23 November, 2015“. Sieht man auf dem Bild viel Schnee, aber Wolfram Alpha gibt als Ergebnis aus, dass fast sommerliche Temperaturen herrschten, sollten die Alarmglocken schrillen.
  3. Wikimapia
    Hier kann man sich auch nochmal, wie bei Google Maps und Google Earth, die Umgebung eines angeblichen Geschehens anschauen. Sollte es sich um ein Bild mit einer großen Straße handeln, man dort aber nur kleine Nebenstraße und Feldwege findet, ist ebenfalls Misstrauen angesagt.

Im Endeffekt ist es mit einigem Hintergrundwissen dann gar nicht mehr so schwer, einen Hoax zu erkennen. Wenn eine Person z.B. nachweislich öfter Hoaxes verteilt, muss man misstrauisch sein, dann ist die Person leichtgläubig. Wenn es keine Orts- und Zeitangaben gibt, sollte man ebenfalls zweifeln. Bilder sind heutzutage auch nicht immer ein Beweis, wir erlebten sehr oft, dass echte Bilder im falschen Zusammenhang gepostet wurden. Im Endeffekt muss eine Meldung nachprüfbar sein: Ort, Zeit, Namen. Mehrere voneinander unabhängige Quellen müssen darüber berichtet haben. Auch ausländische Quellen muss man in die Suche mit einbeziehen. Wenn etwas zu klischeehaft, zu abgehoben, zu „typisch“ erscheint, ist zu zweifeln. Menschen neigen dazu, nur Meldungen zu verbreiten, die ihr eigenes Ego bestätigt. Dann sollte man immer misstrauisch sein, ob dieser Status nun echt ist… oder einfach nur ein Schrei nach „Likes“, nach Aufmerksamkeit.

Wir bedanken uns bei „Zuerst denken dann klicken“ für diesen Artikel und für die tolle Arbeit, mit dem sie Facebook und Co. ein ganzes Stück sicherer machen.