Befreien Sie Ihr digitales Leben

30 Nov 2016

Nach unserer aktuellen Studie haben mehr als 70 % der aktiven Internetnutzer darüber nachgedacht, ihre sozialen Netzwerke aufzugeben, hauptsächlich da sie zu viel Zeit in ihnen verschwenden. Ich denke, dass es noch mehr ist: Sie haben das Gefühl, dass sie zum Handelsobjekt der digitalen Unternehmen geworden sind, die ihnen immer mehr vorgeben, was sie tun, kaufen und hören sollen – und das ist nicht alles.

Sind wir wirklich Herr unseres digitalen Lebens? Viele von Ihnen kennen bereits die bittere Antwort: Wir sind es nicht.

Free your digital life

Der individuelle Nutzer eines digitalen Geräts kann etwas tun, um seinen digitalen Schatten zu kontrollieren —Daten und Metadaten über User, die automatisch generiert werden, wenn sie Webseiten besuchen. VPNs, Anonymizers und Filterung können den Schatten reduzieren, aber was ist mit dem sichtbareren Teil des digitalen Lebens? Die Fotos, Videos, flüchtigen Gedanken und andere Dinge, die wir absichtlich posten und als unser eigen betrachten — unsere digitalen Fußabdrücke — gehören eigentlich IT-Unternehmen, die unsere sozialen Netzwerke und Multimedia-Hosting-Plattformen kontrollieren.

Das Video, das Sie gestern mit oder für Ihre Freunde und Familie aufnahmen? In dem Moment, als Sie es hochluden, erhielt der Hosting-Service (d. h. die Seite, auf der Sie es teilen) tatsächliche Eigentumsrechte über das Video. Abhängig von der Gesetzgebung Ihres Landes können Sie weiteres Teilen untersagen oder die Entfernung Ihres persönlichen Inhalts fordern, aber Sie können niemals vollkommen sicher sein, dass es nicht an einem anderen Ort gespeichert wurde — deshalb erwähnte ich „tatsächlich“ vor „Eigentumsrechten“ – ganz egal, was die Geschäftsbedingungen der Seite sagen.

Was einmal ins Internet gelangt, bleibt grundsätzlich auch dort, ungeachtet Ihres Geisteszustands beim Posten oder der zukünftigen Möglichkeit, auf Ihren Account zugreifen zu können. Jemand hat Ihren Account gehackt und Ihre Passwort geändert? Sorry! Die Kontrolle über digitale Kreationen oder jedes Recht auf Besitz zu verlieren – diese Situation bezeichne ich als digitale Sklaverei.

Viele von denen, die ich kenne, empfinden es eigentlich als recht praktisch. Sie mögen es, in einer Blase von „maßgeschneidertem Inhalt“, „speziellen Angeboten“ und „unterhaltsamen Feeds zu Freunden“ zu leben. Aber ich habe auch viele Freunde, die hierfür lieber nicht mehr zahlen würden und somit nicht ihre Freiheit an irrationale, unerklärliche, unvorhersehbare und besonders unsichtbare digitale Tools abzugeben. Das bevorzuge auch ich.

Wo wir schon einmal dabei sind: Wann haben Sie sich das letzte Mal mit Ihren engsten Freunden oder Ihrer Familie zusammengesetzt und zusammen Fotos angeschaut und in Erinnerungen geschwelgt? Das ist schon ein Weilchen her, nicht wahr? Wir sind so von sozialen Netzwerken abhängig, dass wir keine Fotoalben mehr durchwälzen – es gibt sie nicht einmal mehr! Die digitalen Nachfolger der Alben, Fotoframes, gingen nie auf; warum sich die Mühe machen, wenn man einfach ein Foto auf Instagram oder Facebook posten kann?

Also kann man Leute mit der Gabel in einer und dem Handy in der anderen Hand sehen, anstatt eines gemütlichen Beisammenseins von Freunden, die sich gemeinsam ein Album ansehen. Unsere Abhängigkeit von sofortigem Teilen ruiniert nicht nur die Atmosphäre eines Familienessens, sondern hat auch einen wichtigen Teil von uns externalisiert — und gibt, wie ich schon zuvor erwähnte, den Unternehmen die Kontrolle. Um ein wenig zu philosophieren: wenn wir keine greifbare Vergangenheit haben, heißt das, dass wir keine Zukunft haben?

Es stellt sich heraus, dass das Wiedergewinnen des Eigentumsrechts für digitale Erinnerungen keine einfache Aufgabe ist. IT-Giganten werden alles unternehmen, um Sie davon abzuhalten. Und wer hat digitale Fußspuren auf nur einem Service hinterlassen? Die meisten haben ihre Erinnerungen über einige Dienste verteilt.

Während wir an dem Konzept FFForget arbeiteten, das wir der Öffentlichkeit ab 2017 zur Verfügung stellen wollen, testeten wir auch die API vier wichtiger sozialer Netzwerke: Facebook, Twitter, Instagram und Google+, und fanden heraus, dass es Usern (noch) möglich ist, ihre Dinge zurückzuerhalten, indem sie eine Kopie ihrer digitalen Momente von diesen Netzwerken anfertigen und sie in einem undurchdringbaren, verschlüsselten Tresor speichern. Sobald User einmal Ihren persönlichen Inhalt zurückerhalten haben, können sie mit ihm und ihrem Account machen, was immer sie wollen: ein weiterer Schritt in Richtung Unabhängigkeit von den großen IT-Unternehmen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Zurückerhalt des persönlichen digitalen Inhalts ein Schritt in Richtung einer Zukunft ist, in der das aktuelle Modell – digitale Sklaverei – nicht länger gültig ist. In dieser Zukunft wird das Eigentumsrecht vollkommen dem User gehören, und User werden volle Kontrolle über ihren Inhalt haben. Das ist die Art von Zukunft, in der ich leben möchte.