Wie ein Chatbot die Weltherrschaft übernimmt

26 Aug 2016

Menschen texten lieber als zu reden. Über 65% von uns würden lieber eine lange und schmerzhafte Unterhaltung über WhatsApp führen als einen einminütigen Anruf zu betätigen oder ein persönliches Gespräch zu führen. Wir texten während wir fahren, obwohl wir wissen, wie gefährlich das ist. Selbst bei heiligen Traditionen sitzen Familien zwar zusammen am Tisch, aber immer häufiger texten sie anderen.

I, for one, welcome our new chatbot overlords

Es ist einfach zu viel los: zu viele Menschen, mit denen man reden kann, zu viele Kontakte, die aufrechterhalten werden müssen – es kann sich einfacher anfühlen, als digitaler Introvertierter zu leben und mit anderen im eigenen Tempo zu reden, als Energie mit realen Unterhaltungen zu verschwenden, bei denen man nicht weiß, wie man sie beginnen oder beenden soll, und ohne Motivation etwas zu erklären, wenn man wirklich nicht in Stimmung ist.

Da Chatten so beliebt ist, überrascht es nicht, dass unsere Welt voll mit Chatbots ist. Manchmal sind sie dafür da, um Gesellschaft aus der realen Welt zu ersetzen, manchmal haben sie besondere Funktionen. Chatbots sind auch auf Unternehmensseite sehr gefragt: Sie sind Angestellte, die man nicht gut behandeln muss; sie haben keine Emotionen; und sie machen genau das, wozu sie programmiert wurden. Der Chatbot-Hype schoss durch die Decke, als die Bots-Plattform von Telegram eine vollständige API bekam. Viele Unternehmen tauchten dann ins Erstellen von Chatbots ein: Kundenservice-Bots, Support-Bots, Training-Bots, Informations-Bots, Porno-Bots, usw.

Die Frage ist – braucht man neben echten Menschen wirklich so viele Chatbots? Wir Menschen sind kniffelige Fleischbrocken: Wir empfinden Empathie, selbst wenn wir es mit etwas zu tun haben, dass absichtlich leblos ist – Ihr Auto kann ein Geschlecht haben, Ihr iPhone einen Namen, usw.

Bei Chatbots scheinen wir bestimmte Emotionen in diese Skripte zu projizieren und beginnen, zu denken, dass sie lebendig sind und schreiben ihnen Persönlichkeit zu, die sich nicht besitzen. Dieses Phänomen ist nicht neu – denken Sie an Siri, die Mutter der Drachen moderner Bots.

Betrachten Sie die Möglichkeiten. Nehmen wir an, dass Bots wirklich ein neuer Trend sind und jedes Unternehmen auf der Welt einen oder zwei entwickeln wird – oder einhundert, einen für jede Marketingaktivität. Das ist übrigens genau das, was gerade geschieht.

Wie wird das Ökosystem aussehen? Enorme Kontaktlisten mit künstlichen Verbindungen als starke Mehrheit und reale Personen als Minderheit. Die Chatbots werden mit Ihnen sprechen, Ihnen Emojis, Sticker, lustige Katzenfotos und Links schicken. Aber machen Sie sich nichts vor – sie werden auch Ihr Verhalten studieren und alles tun, um Ihnen das zu verkaufen, was ihre Besitzer Ihnen verkaufen wollen.

Das geschieht, wenn futuristische Technologie mit veralteter Mentalität bedient wird. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Cybersicherheitsprobleme liegen genau dort. Chatbots sind Goldmienen für Social Engineering und Verbrechen; sie analysieren das Verhalten von Menschen und lernen von ihnen.

Phishing, Ransomware, Raub von Anmeldedaten, Identität und Kreditkarten – all das wird für Hacker viel einfacher sein, wenn ihnen erstaunliche neue Tools zur Verfügung stehen, mit derene Verhaltensmustern sie User in Schwierigkeiten bringen. Grundsätzlich würde Ihnen ein infizierter Bot genau das erzählen, was Sie hören möchten, genau dann, wenn Sie es erwarten, also gebe es keinen Grund für Sie, misstrauisch zu sein.

Und das sind nur Basishackingangriffe. Die schlimmsten Techniken müssen noch entwickelt werden. Was ist mit Identitätsverdopplung? Chatbots sind keine Einbahnstraßen: Wenn Sie mit einem reden, lernen sie schnell und können mit den richtigen Einstellungen nicht nur lernen, wie sie effektiver mit Ihnen sprechen können, sondern auch Ihr Verhalten zu kopieren, wenn sie mit Dritten sprechen. Das ist übrigens genau das, was der Chatbot in der Messaging-App Allo von Google gerade macht.

Was könnte ein krimineller Bot mit einem Zugriff auf Ihre Benutzerdaten und einem Talent zum Imitieren Ihrer Art zu Chatten mit Ihrem mobile Bankingaccount oder einem Unternehmens-Chat-System, wie Slack oder Lync anstellen? Nun, bestimmte Elemente aus der Science-Fiction sehen so auf einmal viel realistischer aus.

Denken Sie einen Moment nach – brauchen wir so etwas in unseren Chats?

Meine persönliche Meinung ist ein klares „Nein“. Ich behaupte weder, dass Bots eine völlig schlechte Idee sind, noch, dass sie zum Scheitern verurteilt sind. Genau das Gegenteil! Jedoch bin ich mit absolut sicher, dass, solange Technologie frei von Einschränkungen des menschlichen Körpers ist, man wirklich keine Hunderte von ihnen braucht. Ein Bot kann alles tun – Unterstützung bieten, mit Ihnen chatten, Ihre Meetings managen, usw. Ich denke, dass ein persönlicher Assistent, der maschinell lernt, vollkommen umsetzbar ist und beeindruckendes Potential hat – aus wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht.

Und hier kommen wir zu einem anderen „Aber“, vielleicht noch beunruhigender als das der Cybersicherheit. Realistisch gesehen, kann eins von fünf weltweiten Unternehmen einen „globalen Bot“ herstellen und von ihm profitieren: Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook.

Diese Unternehmen verarbeiten Big Data (riesige Datenmengen!), was ihnen dabei hilft, einen erstklassigen Bot-Service zu erstellen. Mit einem Zugriff auf Petabytes von persönlichen Daten, werden die Bots dieser Unternehmen die intelligentesten und anpassungsfähigsten, akkuratesten und lernfähigsten Bots sein. Und die Chatbots von heute? Wir sind alle nur Beta-Tester, die bereits bestehende Methoden für die großen Unternehmen testen.

Leider geht es bei Chatbots nicht wirklich ums Chatten – es ist ihre Funktion, aber nicht ihre Aufgabe. Was ist ihre Aufgabe? Massive Marktforschung, die letztendlich für einige Unternehmen sehr rentabel sein wird – unter ihnen Cyberkriminelle.