#BionicManDiary, Eintrag 001: Wie ein Chip in meinen Körper gepflanzt wurde

Ein Kaspersky-Mitarbeiter ließ sich einen Biochip unter die Haut implantieren. Hier berichtet er von seinen Erfahrungen mit der neuen Technologie.

Ich wachte auf und hatte ein Heftpflaster auf meiner Hand. Es bedeckte eine kleine Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann hatte ich einen WTF-Moment. Wo war ich gestern und was ist passiert?

Langsam begann in meinem Kopf eine Reihe von Ereignissen aufzuscheinen: Blitze, eine applaudierende Menge und ein tätowierter Mann mit einem speziellen Injektor. „Nun ja, es gibt kein Zurück. Du wolltest die Welt ändern, also mach es“, dachte ich. Und darum wurde mir innerhalb weniger Minuten ein NFC-Biochip unter die Haut eingepflanzt.

So soll das laut Hollywood aussehen:

In Wirklichkeit ist das alles nicht so cool und einfach, und das war meine erste Entdeckung bei diesem Experiment. Um einen Chip zu implantieren braucht man einen speziellen Injektor mit einer Nadel, die etwa drei Millimeter groß. Und das ist verdammt groß. Es gab keine Betäubung. Der Piercing-Meister lächelte mich an und sagte etwas wie „Wenn Du Eier hast, tut es nicht weh. Los geht’s“ Während ich das eben Gesagte noch verarbeitete, merkte ich, dass die Nadel schon in meiner Hand steckte. Ich dachte, ich würde das eklige Geräusch hören, wenn die Nadel in meine Haut sticht.

Ein guter Implantologe

Die ganze Operation dauerte weniger als fünf Sekunden. Den Schmerz kann man mit dem einer Blutabnahme vergleichen – einer Blutabnahme gleichzeitig von der Fingerspitze, der Vene und dem Hintern. Beim nächsten Mal wäre also eine lokale Betäubung (wenigstens mit einem Spray!) nicht schlecht.

Und ja, es wird ein nächstes Mal geben. Ganz einfach weil die Liste der Probleme mit dieser Prozedur noch endlos ist. Um die meisten davon lösen zu können, müssen wir erst eine neue Generation von Chips entwickeln, die auch das Feedback der ersten Anwender berücksichtigen.

Für alle, die sich jetzt fragen, was hier eigentlich los war: Beim Security Analyst Summit von Kaspersky Lab kamen die besten Sicherheits-Experten und IT-Gurus der Welt zusammen, und ein paar Kaspersky-Mitarbeiter bekamen einen Chip unter ihre Haut gepflanzt.

Insgesamt gab es zwei Freiwillige: Povel Torudd, Chef der europäischen PR-Abteilung, und mich selbst. Pavel stammt aus Schweden, lebt derzeit aber in London.

Wie sehen die Chips aus? Sie sind kleine (12 x 2 Millimeter) Mikrogeräte, die bis zu 880 Byte speichern können, was der tragenden Person ermöglicht, mit umgebender Technik zu interagieren – von Smartphones und deren Apps, über Laptops, elektronische Schlösser und Bezahlschranken im öffentlichen Nahverkehr bis zu allen anderen Geräten des Internet der Dinge. All das läuft drahtlos und nur mit Berührung.

Die Entscheidung, „gechippt“ zu werden, wurde wie üblich bei einem Bier und der Diskussion über die Entwicklung des Internet getroffen.

Es kann sein, dass ich im Grunde der erste kybernetische Organismus Russlands bin, der von einer großen Firma unterstützt wird, die am Resultat des Experiments interessiert ist. Povel und ich beschlossen drei Monate vor dem SAS „gechippt“ zu werden. Das war ganz typisch: Wir saßen in einem Pub, tranken Bier und diskutierten über die Entwicklung des Internet, inklusive der offensichtlichen Vorteile und der langen Kette von Nachteilen durch obsolete Technologien, die es nur deshalb immer noch gibt, weil „niemand einfach so nach Mordor geht“. Am besten beschrieb Neil Stevenson das in „Cryptonomicon“:

Das ist nur so, weil die alte Technologie von denen, die sie verstehen müssen, universell verstanden wird, und sie funktioniert gut, und alle Arten elektronischer Technologien und Software wurde innerhalb dieses Rahmens entwickelt und getestet; und warum sollte man mit dem Erfolg spielen, vor allem, wenn die Gewinnspanne so klein ist, dass man sie nur mit Technologien der Quantenmechanik sehen kann, und alle Probleme bei der Kompatibilität mit altem Zeug Deine Firma direkt die Toilette runterspülen würden.

Wir verwenden zum Beispiel schon seit ewigen Zeiten Passwörter zur Authentifizierung, aber heute taugen sie eigentlich zu nichts mehr – und das wissen alle, die sich mit IT-Sicherheit beschäftigen.

Wir haben bis spät in die Nacht darüber gesprochen und dann eine Vereinbarung getroffen. Wir beschlossen, dass wir ein Zeichen setzen und die Welt verbessern wollen – auf radikale Art und das öffentlich, indem wir Innovation an uns selbst ausprobieren (vorausgesetzt, man hat keine 30-Jahre-Beschränkungen). Wir wurden nicht gezwungen oder gebeten, uns Chips implantieren zu lassen, und wurden für die Teilnahme in diesem Experiment nicht bezahlt. Das Ganze passierte freiwillig.

Ich sorge mich ernsthaft um die Synergie zwischen lebenden Organismen und Computern – die in der Zukunft unvermeidbar sein wird –, die Bionik zu einer sehr vielversprechenden Technologiebranche macht. Das Problem ist, dass viele moderne Technologien leider mit kompletter Missachtung der Sicherheit und Privatsphäre entwickelt werden. Beispiele gibt es genug dafür: So hackte der Kaspersky-Experte David Jacoby sein eigenes Haus – und brauchte nicht einmal viel Zeit dafür.

Wobei eine vernetzte Kaffeemaschine oder ein Smart-TV nicht mit einem menschlichen Organismus verglichen werden können. Ich habe bei dem Experiment mitgemacht, um sowohl die Vorzüge der Technologie zu verstehen, als auch die Nachteile und Sicherheitslücken zu erforschen, und dann Schutzmethoden zu entwickeln, solange wir dafür noch Zeit haben. Am wichtigsten ist mir, zu vermeiden, dass meine Nachkommen zum Opfer bionischer Cyberkrimineller werden – und diese wird es früher oder später geben.

In der Theorie werden die Vorteile für Chips nur durch die Fantasie beschränkt. Sie können verwendet werden, um Büros, Privathäuser und Autos aufzusperren, digitale Geldbeutel zu verwalten, Geräte ohne Passwörter zu entsperren (da der Chip selbst zur Identifizierung verwendete werden kann). Wenn sich die Technologie wesentlich weiterentwickelt, könnten Passwörter bald aussterben.

Der Chip kann zudem auch als verschlüsselter Speicher für vertrauliche private Daten verwendet werden, inklusive medizinischer Daten, Biografien, Ausweisdaten, usw. Man muss nicht extra dazusagen, dass man bei der Freigabe solcher Daten wissen sollte, wer darauf zugreift, wann er darauf zugreift und warum er das macht – immer mit der Privatsphäre im Hinterkopf.

Ich selbst habe mir fünf Ziele für dieses Experiment gesteckt:

  1. Zu verstehen, wie komfortabel es ist, mit einem… nun ja, Mini-PC unter der Haut herumzugehen, inklusive der Bewertung subjektiver Gefühle, sowie dem körperlichen und psychischen Gefühl.
  2. Das Potenzial dieser Technologie zu bewerten, und zum Beispiel echte Anwendungsmöglichkeiten zu finden, die kurz- und langfristig sinnvoll sind.
  3. Nachteile der Technologie zu definieren, etwa Probleme bei der Form oder die Anfälligkeit für bestehende, vor allem aufwändige Bedrohungen.
  4. Das Maß rechtlicher, spiritueller und sozialer Unstimmigkeiten zu bewerten.
  5. Und schließlich ein detailliertes FAQ zu erstellen.

Ich verspreche hiermit, möglichst all Ihre Fragen, die Sie hier stellen, ohne Beschränkung zu beantworten. Ich denke das ist das wichtigste Ziel, denn Wahrheit wird in Diskussionen gefunden – also lassen Sie uns argumentieren und debattieren, mit einer Bedingung: gegenseitiger Respekt aller Meinungen und Fakten, die einen Standpunkt stützen. Unhöflichkeit und Trolling werden konsequent gelöscht.

Wie mein Landsmann Yuri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum, sagte: „Poehali!“

Der nächste Beitrag wird sich um die Auswahl des richtigen Implantationsplatzes für den Biochip drehen, aber auch um meine ersten Erfahrungen der Selbstprogrammierung.

Viele Grüße,
CHE

P.S.: Sie finden alle Blog-Beiträge und Tweets zu diesem Thema mit dem Hashtag #BionicManDiary.

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