Hallo, hier spricht Lenny!

9 Jan 2019

Wir haben auf unserem Blog oft über Telefonbetrug gesprochen – angefangen bei Fake-Support-Mitarbeitern von Microsoft, die versuchen, Ihnen mit Malware einen Schrecken einzujagen, um Sie dazu zu bringen, für ihren Service zu bezahlen, bis hin zu Fake-Polizisten, die behaupten, Ihr Kind sei in Schwierigkeiten. Jeder hasst sie, unabhängig davon, ob man je auf ihre Betrugsmasche hineingefallen ist oder nicht. Auf dem Hacker-Kongress 35C3 habe ich rein zufällig an einem Vortrag teilgenommen, bei dem eine erstaunliche Lösung für all diese Probleme bezüglich des Telefon-Betrugs vorgestellt wurde. Und diese Lösung trägt einen Namen: Lenny.

Dürfen wir vorstellen? Lenny, der Voice-Chatbot, der gegen Telefonverkäufer und Betrüger eingesetzt werden kannLenny ist ein ziemlich unkomplizierter Voice-Chatbot, der ausgewählte Sätze einfach nacheinander herunterliest, sobald der Anrufer eine Weile innehält. Lenny verfügt über minutenlangen Gesprächsstoff, der von einem talentierten, aber scheinbar sehr vergesslichen, Synchronsprecher eingesprochen wurde. Nachdem die letzte Zeile ausgesprochen ist, beginnt das Spiel von vorn. Das Ganze hört sich allerdings so realistisch an, dass Telefonverkäufer Dutzende Minuten lang mit Lenny am anderen Ende der Leitung ausharren.

Aber was hält die Verkäufer (und Betrüger) so lange bei Laune? Nun, zum einen verfügt Lenny über ein paar typische Phrasen wie „Entschuldigung, ich kann Sie kaum verstehen“, „Sind Sie noch dran?“ oder einfache Antworten wie beispielsweise „Ja“, die sich für so gut wie jedes Thema eignen. Andererseits kann der Voice-Chatbot das Gespräch auf geniale und reibungslose Art und Weise auf andere Gesprächsthemen umleiten, die rein gar nichts mit dem ursprünglichen Anliegen zu tun haben, und bringt auf diese Weise sämtliche Telefonbetrüger und -verkäufer dazu, (mehr oder weniger) geduldig am Telefon zu verharren. Hier ein Beispiel, wie ein Telefongespräch mit Lenny aussehen könnte:

Der Entwickler des Voice-Chatbots Lenny ist unbekannt, dennoch scheint die Person zweifellos ein ausgeprägtes Verständnis für die alltäglichen Probleme der Menschheit zu haben. Und diese Waffe gegen Telefonverkäufer und Betrüger funktioniert überraschend gut; zahlreiche Videos auf YouTube zeigen witzige Dialoge mit Lenny, bei denen sich der längste Anruf auf eine knappe Stunde hinauszögert. Das heißt, dass eine Person mit gesundem Menschenverstand mehr als 40 Minuten mit Lenny telefoniert hat, bevor sie überhaupt bemerkt hat, dass sie versucht hat, die Stimme einer Sprachaufnahme für sich zu gewinnen.

Während ihres Vortrags auf dem Hackerkongress 35C3 präsentierten Merve Sahin und Aurélien Francillon von Eurecom Daten, die sie über unzählige YouTube-Videos mit Lenny gesammelt hatten, und teilten sie je nach Anrufer in mehrere Kategorien ein. Sie fanden heraus, dass die durchschnittliche Anrufdauer in allen Kategorien etwas mehr als 10 Minuten betrug. Ausreichend, um die Aufnahme 1,7-mal abzuspielen.

Die Geduld der Telefonverkäufer endete pauschal betrachtet nach rund 12 Minuten; bei Betrügern waren es in etwa 7 Minuten. Wenn Sie sich Lenny aber erst einmal angehört haben, werden Sie feststellen, dass selbst ein 7-minütiges Gespräch mit dem Chatbot ausreicht, um sich für den Rest des Tages wie ein kompletter Idiot zu fühlen. Aber Betrüger haben nichts anderes verdient.

Merve Sahin und Aurélien Francillon wiesen auf dem Kongress 35C3 auch darauf hin, dass Betrüger im Gegensatz zu anderen Telefonverkäufern häufig dazu tendieren, irgendwelche Schwüre zu leisten – das war bei etwa 10% aller Anrufe der Fall. Darüber hinaus werden sie deutlich schneller wütend, obwohl sich Lenny dafür glücklicherweise überhaupt nicht zu interessieren scheint. Interessant ist auch, dass Lenny nur bei 5% aller Anrufe explizit als Sprachaufnahme oder Bot identifiziert wird. Viele Anrufer hingegen legen auf, ohne zu erkennen, dass es sich bei ihrem Gesprächspartner nicht um eine reale Person gehandelt hat, was die ganze Sache noch komischer macht.

Obwohl Lenny nur aus wenigen Audiodateien und vier Zeilen Code besteht, ist es leider ziemlich schwierig, den Bot selbst einzurichten. Dazu müssen Sie nämlich erst einen Asterisk– oder Freeswitch-VoIP und Telefonserver einrichten, der zwar kostenlos ist, aber einige IT-Kenntnisse erfordert. Auf diesem muss Lenny dann installiert, die Audiodateien kopiert und der Code an der richtigen Stelle eingefügt werden. Wenn Sie es trotzdem gerne ausprobieren möchten, kann YouTube Sie mit den erforderlichen Tipps und Informationen versorgen (Chris von Crosstalk Solution hat ein schönes Video veröffentlicht, in dem erklärt wird, wie Sie Lenny mit FreePBX, einer grafischen Benutzeroberfläche für Asterisk, installieren).

Um diesen Beitrag zu beenden, konnte ich mir ein weiteres Lenny-Video einfach nicht verkneifen. Weiter so, Lenny!