Eine Unterhaltung mit Eugene Kaspersky

16 Okt 2015

Kaspersky-Lab-Gründer und CEO Eugene Kaspersky ist einer der weltweit führenden Experten im Bereich der IT-Sicherheit. Auf einer seiner Geschäftsreisen nach Brasilien beantwortete er Fragen der lateinamerikanischen Nutzer Sozialer Netzwerke. Hier seine Antworten:

Was ist die größte Herausforderung, der sie gegenüberstanden?

Ich würde sagen, der Aufbau einer Marke – zunächst lokal, später dann global. Für die Zukunft ist es sicher die Vorhersage, was im Bereich der Bedrohungen noch auf uns zukommt und das Team und unsere Technologien dafür vorzubereiten. Wir müssen wissen, wie wir schnell auf unerwartete Bedrohungen reagieren können. Eine andere Herausforderung ist, alle Fragen zu beantworten, die mir gestellt werden (lacht).

Wo sehen sie ihre Firma in 10 Jahren?

Kaspersky Lab wird immer noch die bösen Jungs im Cyberspace bekämpfen. Es wird eine veränderte Firma sein, wird aber immer noch die gleiche Seele haben.

Last week we cut the ribbon and opened our new office in Milan. This will be our main Italian office #forzaitlaia

A photo posted by Kaspersky Lab (@kasperskylab) on

Hat Kaspersky Lab schon einmal einen Cyber-Angriff gestoppt, der die globale Sicherheit hätte gefährden oder das ganze Internet verseuchen können?

Wer weiß…? Wir stoppen jedes Jahr Millionen von Attacken. Wenn wir das nicht täten, wären einige der Bedrohungen vielleicht global ausgebrochen. Es gab einige pandemische Fälle, die fast so groß geworden wären, etwa „Chernobyl“, „Melissa“, „I Love You“ und andere.

Um das zu verhindern, haben wir eine Plattform ins Leben gerufen, die Produkte, Technologien sowie Schulungen für Anwender und Firmen enthält, und die Kooperation mit globalen Cyber-Sicherheits-Behörden ermöglicht.

Bei welchem Virus sind sie am glücklichsten, dass sie ihn analysiert und blockiert haben?

Das ist der Chernobyl-Virus. Wir standen im Juli oder August vor dieser Bedrohung, als alle Antivirus-Firmen im Urlaub waren. Das ist einige Zeit her, damals gab es keinen 24-Stunden-Support und die meisten Experten waren offline. Ich war buchstäblich der einzige, der online war (lacht).

Ein anderes Beispiel ist Code Red. Ich war der erste, der das globale Ausmaß dieses Schädlings erkannte.

Leider analysiere ich keine Viren mehr. Allerdings freue ich mich immer, wenn unser Team Dinge wie den Carbanak-Angriff entdeckt oder globale Cyberspionage-Aktionen wie Duqu 2.0 aufdeckt.

Technologie entwickelt sich immer weiter und das Internet der Dinge wächst – was wird zum Schutz dieser Geräte entwickelt? Werden wir auch auf unseren Fernsehern und in unseren Autos eine Antiviruslösung installieren müssen?

Eine interessante Frage. Wir glauben, dass die nächste Angriffswelle auf Smart-TVs abzielen wird. Das ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben bereits Prototypen unserer Produkte für diese Geräte produziert. In Asien gibt es zum Beispiel Pay-by-TV-Zahlungssysteme, die für manche Kriminelle sehr attraktiv sein müssen. Und so komisch es klingen mag, aber es ist wahr: Wenn sie heute fernsehen, beobachtet der Fernseher sie (lacht).

Wird das Internet in der Zukunft wirklich sicher sein?

Das ist ein bisschen philosophisch. Erst haben wir einen technologischen Durchbruch und dann entwickeln wir Produkte und Dienste, die darauf basieren. Danach kommen die damit verbundenen Probleme und erst am Ende lösen wir die Schwierigkeiten. Dieses Szenario wiederholt sich immer wieder – mit Elektrizität, Feuer usw. Wir beginnen damit, diese Technologien zu nutzen und erst mit der Zeit entdecken wir, wie wir sie sicher nutzen können.

Ich glaube, dass wir im Cyberspace momentan im „Cyber-Mittelalter“ sind. Wir haben die Technologie bereits erfunden und passen sie rapide an. Leider müssen in diesem Bereich schnell wettbewerbsfähige Systeme entwickelt werden, was die Sicherheit zu kurz kommen lässt.

Ich denke, dass wir in 100 oder 200 Jahren lernen werden, wie man komplett sichere Netzwerke entwickelt. Das ist auch derzeit möglich, wäre aber viel zu teuer und würde es schwer machen, viele neue Erfindungen zu nutzen.

Deshalb glaube ich, dass derzeit nicht versucht werden sollte, 100-prozentig sichere Heimanwenderprodukte zu entwickeln. Derzeit sollten sichere Infrastrukturen und sichere Industriesysteme entwickelt werden.