Nicht alles im Internet ist, was es zu sein scheint

26 Jul 2016

Sie schauen sich die Profile auf einer Datingseite an und sehen eine hübsche junge Frau, die sie gerne kennenlernen würden. Sie schicken ihr eine Nachricht und sie antwortet auf sehr freundliche und liebenswürdige Art und Weise. Sie möchte Sie gerne kennenlernen! Sie möchte mit Ihnen chatten! Aber hinter der Gestalt der jungen Frau verbirgt sich in Wahrheit ein bärtiger Cyberkrimineller, der lediglich an Ihre Telefonnummer kommen wollte, um Sie zu betrügen.

Die russische Polizei hat kürzlich zwei Männer aus Smolensk verhaftet, die sich als junge attraktive Frauen ausgegeben hatten, um die Herzen von Moskaus Männern zu stehlen und sie anschließend zu bedrohen und hereinzulegen, damit sie ihnen große Summen Geld schicken. Die Kriminellen verdienten auf diese Weise etwa eine Million russische Rubel.

Obwohl solche Geschichten so alt sind, wie das Internet selbst, wird das Thema so schnell nicht vom Tisch sein. Ganz im Gegenteil, diese Betrugsart ist regelrecht im Kommen: britische Medien berichten, dass Betrug beim Onlinedating die Opfer in Großbritannien und Nordirland im vergangenen Jahr „herzzerreißende £27 Millionen“ gekostet hat. In den USA verloren im letzten Jahr etwa 5900 Opfer insgesamt $86,7 Millionen im Zuge von Romance Scam.

Dabei fällt auf, dass Betrüger ihr Zielpublikum ändern, da mehr und mehr Leute das Internet und Datingseiten nutzen. Obwohl Menschen jeden Alters Romance Scam zum Opfer fallen können, überwiegen in beiden Fällen Nutzer über 40 Jahren: etwa zwei Drittel in Großbritannien und Nordirland und mehr als drei Viertel in den USA. Erstaunlicherweise sind viele von ihnen Frauen.

Die Geschichte der 67-jährigen in Oxford ausgebildeten Judith Lathlean machte im Dezember 2015 Schlagzeilen. Ihre Onlineromanze kostete sie ein zerbrochenes Herz, £140.000 und jede Menge Schulden. Die Frau war emotional am Boden zerstört und stand kurz davor, ihr eigenes Haus zu verlieren.

Der Betrüger hatte sich eine herzzerreißende Geschichte ausgedacht: Er stellte sich als betagter Ingenieur vor, der in Südafrika lebt und dessen Frau an einer Krebserkrankung gestorben war (obwohl er bis zum Ende an ihrer Seite gekämpft hatte). Er rief Judith mehrere Male an und wollte sie mehrmals treffen, aber der Tod seines Vaters machte ihm einen Strich durch die Rechnung; ein anderes Mal konnte er sie nicht treffen, weil sein Haus geplündert worden war. Er hat nie direkt nach Geld gefragt — er hat lediglich die Situation erklärt. Judith hat selbst Hilfe angeboten — und das war ein Fehler.

„Ich sehe mich selbst als eine intelligente, mitfühlende Person. Der Betrug war äußerst raffiniert und clever, genau auf meine wunden Punkte zugeschnitten. Ich fühle mich nicht dumm, weil ich genau verstehe, wie das passiert ist.“, sagte sie gegenüber der DailyMail. — „Wenn mir das passieren kann, dann kann es jedem passieren. Und wenn meine Geschichte dazu beitragen kann, dass eine andere Person nicht in die gleiche Falle tappt, dann hat es sich schon gelohnt, meine Geschichte öffentlich zu machen.“

Sie können die komplette Geschichte von Judith Lathlean in diesem Artikel der DailyMail lesen.

Im August 2015 wurde Robinson Agbonifoayetan zu drei Jahren Haft verurteilt, nachdem er und seine Freunde zwei Frauen betrogen hatten. Die Opfer hatten sich in „einen General der US-Marine“ verliebt und sind so fast £300.000 losgeworden.

Allerdings sollten Sie nicht meinen, dass Frauen mittleren Alters die Hauptzielgruppe seien. Zudem gibt es keine genauen Zahlen, wenn es um Romance Scam geht. Viele Opfer — besonders diejenigen, die verheiratet sind — gehen damit lieber nicht in die Öffentlichkeit. Erinnern Sie sich noch an den skandalösen Ashley-Madison-Hackerangriff? In diesem Fall waren es die Mitarbeiter der Datingplattform selbst, die sich wie Betrüger verhielten: da nur wenige Frauen bei dem Datingservice registriert waren, erstellten sie kurzerhand selbst Profile von attraktiven Frauen. Diese Bots versuchten Neulinge in den Chat zu locken und diese dazu zu bringen, Geld zu bezahlen, um die Unterhaltung fortzusetzen.

Also glauben Sie uns: jeder kann da reingeraten. So erklärt Monica Whitty, eine Cyberpsychologin der University of Leicester die Situation der DailyMail: „Sie müssen nicht verletzlich sein“ — warnt sie — „Sie können äußerst intelligent sein und einen guten Job haben. Die Strategien der Cyberkriminellen sind sehr ausgefeilt und gerissen.“

Monica Whitty hat viel Erfahrung in der Arbeit mit Opfern von Romance Scam. Sie erklärt, dass die Opfer in zweierlei Hinsicht großem Druck ausgesetzt sind: Sie geben sich selbst die Schuld und ihre Freunde und Verwandten tun dies ebenfalls. „Den meisten Opfern von Kriminalität wird Sympathie und Unterstützung entgegengebracht, aber wenn es um Onlinebetrug geht, zeigen Freunde und Verwandte wenig Verständnis. Die Reaktion ist in aller Regel: ‚Wie konntest du nur so gutgläubig sein?'“

Abgesehen von finanziellem Betrug nutzen Kriminelle Datingseiten um Werbung, Viren und bösartige Links zu verbreiten.

All diese Fälle sollten uns eine Warnung sein: Nicht alles im Internet ist, was es zu sein scheint. Also trauen Sie keinen fremden Menschen, bis Sie sie nicht persönlich kennen gelernt haben und überweisen Sie niemals Geld, egal wie perfekt die Person zu sein scheint. Es ist auch eine gute Idee, eine verlässliche Antivirensoftware zu installieren — diese wird zwar nicht Ihr gebrochenes Herz schützen, aber sie kann Ihre persönlichen und finanziellen Daten vor Bots und Phishinglinks schützen.